Schnell Ermittelt 4.11 „Jana Solm“: Blutsauger.

„Wie schön sie ist…“

Die 15-jährige Jana Solm wird blutleer kopfüberhängend in einer Fleischerei aufgefunden. An ihrem Hals und Extremitäten befinden sich je zwei Einbisslöcher, scheinbar von Vampiren zugefügt. Alles deutet auf einen Ritualmord hin, und das Ermittlerteam rund um Angelika Schnell und Harald Franitschek befinden sich bald schon selbst in der Gruft der Nachtgestalten – leider beweist sich Schnell Ermittelt dabei aber weniger bissfest als gewohnt.

Michael (Christian Erdt) und Maria (Petra Morzé) Solm verabschieden sich im Leichenschauhaus. (c) Pedro Dominegg

Inzwischen jagt Angelika weiterhin nach Lucy Haller und fühlt deren vermeintlichen Entführer ein wenig auf den Zahn. Manfred Fichtner heißt der Verdächtige, und es ist offensichtlich, dass er etwas zu verbergen hat und in diese Entführungsgeschichte verwickelt ist.

Jana hat sich kurz vor ihrem Ableben sehr für Vampirismus interessiert und auch einige solche Gestalten kennen gelernt: Der Fleischersohn und das Vampirpaar Samuel und Lillith gehören bald schon zu den Hauptverdächtigen. Leider baute sich die Spannung eher schleppend auf, vor allem zu Beginn. Schade fand ich auch, dass gar keinen Hehl darum gemacht wurde, dass die Verdächtigen lügen. Hier wird der alte Krimitrick des Verdächtigter-lügt-aber-wars-am-Ende-doch-nicht ausgepackt .

Eine andere Vorhersehbarkeit der Folge klappte dafür prima, weil sie besser versteckt war – nämlich die Rekonstruktuierung der Geschehnisse vor Janas Tod. Es war keine abstruse Folge von Ereignissen, sondern eine, auf die man mit Scharfsinn schon spekulieren hätte können. Und bei der Resolution – nämlich dass Jana Teil eines Vampirrituals war, dann eine halbe Stunde hängen gelassen wurde und schließlich vom Fleischerburschen runtergeholt worden wär, wenn sie da noch am Leben gewesen wär – hat man das Gefühl, dass das ja logisch ist, und warum ist man nicht selber drauf gekommen? Das sorgt für ordentlich Selbstzufriedenheit.

Es gab auch keinen Sinn von Dringlichkeit im Fall, wenn man vom dramatischen Ende absieht. Das war spannend gemacht, wobei ich mich allerdings wundere, was für ein Zufall es ist, dass Franitschek und Schnell genau im richtigen Moment ins Zimmer kamen. Gewundert hat mich, dass keiner der beiden die Waffe gezogen hat, das wär doch höchste Eisenbahn gewesen.

Die Geschichte um die Familie Solm ist eine tragische. Man hatte schon das Gefühl, dass mit dem Sohn etwas nicht stimmte, und die Mutter sah man leiden. Schon beeindruckend, wie Petra Morzé von Szene zu Szene noch ein verfalleneres Gesicht hatte und zum Schluss beinah ihren Verstand verlor.

Im Falle Lucy Hallers, ich gehe weiter unten noch näher darauf ein, haben wir mehr Exposition bekommen, dafür aber wenig Dynamik. Manfred Fichtner ist jedenfalls ein toller Charakter: interessante Hintergrundgeschichte, scheinbar gewieft, vor allem aber undurchschaubar. Schade, dass wir nicht mehr von Lucy Haller gesehen haben, dass die Folge nur leicht in diesen Strang eintaucht, anstatt uns einen wahren Zweiteiler zum Staffelmysterium zu spendieren.

Menschen:

Angelika hatte zu Beginn der Staffel eine Transformation durchgemacht, die sie plötzlich sehr freundlich mit ihren Mitarbeitern und restlichen Mitmenschen umgehen lies. Das scheint nun endgültig passé zu sein, Angelika ist wieder schroff wie eh und je, vor allem zu Stefan, aber auch zu anderen. In diesem Fall grenzte das manchmal gar schon an Unverschämtheit, und ich fand es einen Tick zu übersteuert, wie sie mit den Verdächtigen umgegangen ist.

Natürlich mutet es eigenartig an, sich so in diese Vampirgeschichte reinzusteigern wie Samuel und Lillith. Ich bin aber der Überzeugung, dass Menschen sich halt ihren eigenen Lebensstil aussuchen und dass man das respektieren sollte. Angelika machte sich aber ununterbrochen über sie lustig und zeigte das auch noch offen zur Schau – da war Lillith nicht die einzige, die der Frau Chefinspektorin böse Blicke zuwarf. In „Jana Solm“ finde ich Angelika unsypmathisch – was löst das aus, dass sie solche Menschen belächelt und andere, wie beispielsweise in François Legrand, mit Empathie und Wohlwollen begegnet?

Ulrich scheint in „Jana Solm“ eindeutig den kürzeren zu ziehen. Auch wenn sich er und Angelika ihre Liebe gestehen, so ganz kann Angelika sich noch nicht auf ihn einlassen. Dass sie seinen Heiratsantrag ablehnt wissen wir schon, und auch ihr Argument, „ist doch auch so schön“, war weder für ihn noch für uns neu. Trotzdem hat Angelikas klares Statement, dass sie ihn nicht heiraten will, zumindest noch nicht, Ulrich bitter aufgestoßen. Er sagt zwar, ein geduldiger Beobachter zu sein, aber ich hab das Gefühl, die Geduld wird nur noch bis zur nächsten Folge andauern.

Andreas Lust hatte diesmal ein paar wirklich starke Szenen als Stefan zu spielen. Angelika lässt fallen, dass Ulrich ihr einen Heiratsantrag gemacht hat, und Stefan nimmt das sehr ernst, muss es erst ein paar Sekunden lang verarbeiten und stammelt schließlich ein „Gratuliere“ hervor. Er versichert Angelika, dass er damit leben könne, und scherzt auch, dass Ulrich ihn doch anrufen möge, falls er Tipps braucht – „Ich versteh das auch, weil bei uns war das auch schön.“ Täuscht mich das, oder lassen diese Worte Angelika kalte Füße bekommen?

In der vorletzten Folge der Staffel trifft Angelika nun auch erstmals auf Manfred Fichtner, den vermeintlichen Entführer Lucy Hallers, dessen Hintergrundgeschichte wir erfahren. Dieser verschuldete vor langer Zeit einen Verkehrsunfall, bei dem seine Frau und seine Tochter ums Leben kamen. Anschließend ging er, um einen Neuanlauf zu starten, nach Afrika, wo er sich in eine ehemalige Studienkollegin verliebte, die auch schon eine Tochter hatte. Ich bin verwirrt: Seine tote Tochter hieß Anna, und Lucy Haller gibt sich auch anscheinend als Anna Fichtner aus. Gibt es also diese Tochter der Studienkollegin wirklich?

Das ist er also, Manfred Fichtner (Peter Davor), der Hauptverdächtige im Falle Lucy Haller. Aber ist er wirklich einfach nur der Entführer oder steckt da mehr dahinter?

Die Geschichte strotzt nur so vor Löchern, und es dürfte keine Schwierigkeiten für die Polizei sein, die Lügengeschichten hier aufzudecken. Dass Fichtner was zu verbergen hat ist ja offensichtlich. Zu Angelikas Hinweis auf Lucy Haller meinte er beispielsweise, er habe es „verdrängt“, und er ist der Überzeugung: „Kinder sollten nicht sterben.“

Zum Glück scheint die Serie aber nicht diesen einfachen Pfad einzuschlagen, des Cliffhängers sei Dank. Aus Angelikas Dialog am Handy geht nicht klar hervor, was vorgefallen ist, dass Angelika Franitschek vor Fichtners Haus unbedingt treffen muss. Um ehrlich zu sein kann ich mir auch keinen Reim darauf machen – umso gespannter warte ich auf das Staffelfinale nächste Woche. Dessen Episodentitel: Lucy Haller.

Bla:

– Um auf das Mädchen nicht unter Druck zu setzen stellt Angelika Franitschek und sich mit Vornamen vor: „Ich bin die Angelika, das ist der Harald.“ Ha! Hat sie Franitschek je zuvor Harald genannt?

– Die Musik zu Beginn war enorm pulsierend, nur schade, dass sie keine Szene zu untermalen hatte, die so einen Spannungsschub hätte nützen können.

„Ama et fac, quod vis.“ Nach vier Jahren Latein kam mir die Schreibweise in der Folge (quod ohne u) ein wenig merkwürdig vor. Stefan übersetzt leidenschaftlich: „Liebe, und tue was du willst.“

„Was wir im Schlafzimmer machen ist unsere Sache. Wir sind volljährig.“ Die Gräfin Lillith hatte einen wunderbaren Tonfall.

– Ist Samuel so ein merkwürdiger Name?

– Angelika vermutet, wie auch ich schon vor ein paar Wochen, dass Lucy Haller am Stockholmsyndrom leidet. Wenn Fichtner aber ein kaltblütiger Entführer wäre, wieso ruft er dann Angelika in der letzten Szene an?

Fazit: 6,5 von 10 Punkten.

Um ganz ehrlich zu sein: Ich hätte mir mehr von der Folge erwartet, auf die das Staffel- und vielleicht sogar auch Serienfinale (von den 90-Minütern abgesehen) aufbaut. Der Fall war bedingt spannend, mit den Lügengeschichten ein wenig zu plump, fand aber ein zufriedenstellendes, trauriges Ende. Charakterlich ist viel geredet, aber wenig Neues gesagt worden. Trotzdem: Die Folge hat gut auf die letzte Folge vorbereitet, wir wissen genug, um neugierig zu sein, aber zu wenig, um Prognosen zu stellen. Ich bin gespannt.

“Jana Solm“ ist bis 10.4. HIER kostenlos und legal in der ORF TVthek verfügbar.

Advertisements

6 Gedanken zu “Schnell Ermittelt 4.11 „Jana Solm“: Blutsauger.

  1. Hey ho!
    Ich lese Ihre Kritiken immer gerne und freue mich jede Woche darauf.
    Diesmal hab ich nur zwei (hoffentlich produktive) Anmerkungen zu machen:
    1) Der „Vampir“ heißt Samael und nicht Samuel, was denke ich doch ein recht untypischer Name ist
    2) Ja, Angelika hat Franitschek schon einmal mit Harald vorgestellt und zwar, als sie in der Schwulenbar von Stermann und Grissemann waren in der Folge „Klaus Karner“, worüber er sich nachher ein bisschen beschwert
    Liebe Grüße und freu mich schon auf den (hoffentlich nicht letzten) Schnell ermitelt Kommentar nächste Woche
    Maria

    • Hi Maria, freut mich, dass es dir gefällt.
      Ja, da mit dem Samael schein ich mich verhört zu haben bzw. hab nicht gut genug die Besetzungsliste der Folge studiert. Und an die Szene in ‚Klaus Karner‘ konnte ich mich gar nicht mehr erinnern – aber ist auch schon ne Weile her, und damals hab ich die Serie noch nicht so penibel auf die Finger geschaut. 🙂

      Freue mich auch schon riesig aufs Staffelfinale!
      – Blamayer

  2. hallo liebe leut:
    ich raff das staffelfinale einfach nicht. könnte es mir bitte jemand in groben zügen erklären?? 🙂

    philipp

    • Hi, ich werd nochmal einen ausgiebigen Artikel zum Staffelfinale heute Nacht verfassen – schau doch morgen nochmal vorbei.

      In groben Zügen: Die ganze Staffel war eine einzige Vision Angelikas.

  3. Es ist nur immer schade, dass man über die anderen Darsteller nichts lesen kann. Z.B. über den Bruder, der seine Schwaster ermordert hat. Fand ich toll.

  4. Pingback: Schnell Ermittelt: Staffel 4 | Blamayers TV Kritiken

add your bla:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s