Touch 1.03 „Schutz in der Menge“: Der unsichtbare Prinz.

„Ich weiß, wie schwer es ist, Verhaltensmuster zu durchbrechen.“

Letzte Woche hatte ich noch meine Angst geäußert, dass Touch allzusehr episodisch geraten wird, ohne sich zu beeilen, einen Hauptgeschichtsfokus aufzubauen. Auch bemängelte ich die noch mangelnde Integrierung des gesamten Casts. Ich hatte meine Hoffnungen, dass „Schutz in der Menge“ diesbezüglich der Serie eine Prise Pfeffer in den Hintern wirft – nie hätt ich aber gerechnet, dass es gleich ein ganzer Kübel Pfefferschoten sein wird.

Jake (David Mazouz) schubst ein rotes Spielzeugauto durch die Türritze von Zimmer #6. Clea (Gugu Mbatha-Raw) rätselt mit uns mit: Was verbirgt sich hinter der Tür?

Martin begegnet in „Schutz in der Menge“ dem unsichtbaren Prinzen – ein Mann, der ähnliche Fähigkeiten zu besitzen scheint wie Jake. Auch dieser tut sich mit der Verständigung seiner Gedanken schwer, kann aber zumindest mit Martin reden. Das ist in vielerlei Hinsicht ein gutes Zeichen für die Serie. Einerseits funktionierte er gut auf Episodenebene – es war spannend, ihn als Begleiter von Martin zuzusehen. Andererseits verheißt er weitere solche Charaktere in der Zukunft der Serie. Und mit solchen Charakteren können die Drehbuchautoren wer weiß was anstellen: Was passiert zum Beispiel, wenn zwei solche Menschen auf einmal verschiedenes sehen und nur einer kann recht behalten? Oder was, wenn der eine den Lauf der Dinge so beeinflusst, dass es dem anderen nicht recht ist? Das sind nur die Ideen, die mir spontan einfallen, aber ich bin sicher, dass es da noch weit interessantere gibt.

Jedenfalls war dieser Prinz ein wundervoller Charakter. Seine Analogie vom Ritter, der den Drachen töten muss, und dem unsichtbaren Prinzen, der unbemerkt dem Ritter zur Seite steht, empfand ich zuerst als ein wenig geeky, bemerkte aber bald die Poesie, die dahinter steckt. Es ist eine Metapher, die sich Martin am Ende der Folge Jake weitererzählt, mit ihnen beiden in den Hauptrollen. Es ist ein schönes Bild, und die Serie tut gut daran, es sich selber aufzusetzen. Da muss ja selbst Jake schon fast lächeln, als Martin vom unsichtbaren Ritter und dem stillen König sprach.

Die Versicherungsbetrugsgeschichte war die Hauptgeschichte von „Schutz in der Menge“, auch die anderen hatten aber ihre Daseinsberechtigung – auch wenn sie weniger konsequent verbunden sind als es jene in den ersten beiden Episoden sind. Die Geschichte rund um Grace und ihre von ihrem Freund misshandelte Freundin war nett und mit besonders schönem Ende – einem friedvollen Protest. Ghandi wäre stolz. Nur leider waren diese Nebengeschichten nur durch das Dance-Battle verbunden, und auch das nur extrem lose. Martin hatte schließlich damit nichts zu tun, wie Grace Fumbi vertrieben hat.

Einzig die Dance Battle-Untergeschichte fiel ab. Das Set war klasse, die Party authentisch, nur das Konzept war es nicht. So eine Art von Dance Battle kann aus tausend Gründen nicht klappen und wirkte so reichlich aufgesetzt. Was haben sich die Autoren da bloß einfallen lassen? Auch die Dialoge drum herum sind schwach: Der Beastmaster etwa bezeichnet es als seinen „schwärzesten Tag [seines] Lebens“ – dass er nicht zum vierten mal Dance Battle Weltmeister geworden ist?

Auch der Moderator ließ einen unauthentischen Spruch nach dem anderen vom Band. Die deutsche Synchro kann ich da nicht loben – ich habe noch nie jemanden so uninspiriert einen neuen Weltmeister ernennen sehen, mal abgesehen davon, dass das Konzept des Weltmeisters bei sowas einfach totaler Humbug ist. Schließlich war das Ende auch enorm voraussagbar – der Beastmaster wird ganz überraschend geschlagen – ooooh! Und ich leg noch eine Schippe drauf: Die Geschichte von „rotes Kleid“ war komplett belanglos. Argh, ich könnt mir die Haare raufen – was habt ihr da bloß fabriziert?

Begrub die Episode beinah unter seiner Dämlichkeit: der Beastmaster beim Dance Battle.

Zum Glück war das Dance Battle- Segment der einzig schlechte Teil der Folge. Vor allem charakterlich ging in „Schutz in der Menge“ einiges voran. Clea habe ich zwar immer noch nicht liebgewonnen – ihr besorgt-um-Jake-Blick geht mir jetzt schon ein wenig auf die Nerven – aber zumindest haben mir ihre Szenen vermittelt, dass Tim Kring und Co. wissen, was sie mit ihr tun werden. Ihre Mutter scheint eine Rolle zu spielen – dass sie schizophren ist könnte bedeuten, dass sie ähnliche Fähigkeiten wie Jake besitzt. Außerdem scheint an ihrem Arbeitsplatz nicht alles so zu sein, wie es scheint… Übrigens, ist noch jemanden aufgefallen, dass sie das Telefon der Frau, die nicht ihre Mutter war, dann einfach gestohlen hat?

Wie auch immer, auch Danny Glovers Charakter, Professor Arthur Teller, findet dank dieser Episode besser in der Serie Platz. Er fungiert jetzt nicht nur mehr als gelegentlicher Gesprächspartner von Martin, Teller führt nun auch selber Nachforschungen durch. Beim Besuch des Kinderheims erfahren wir, dass die Chefin und er sich kennen und dass ihre Beziehung nicht gerade rosig ist – Fortsetzung folgt. Auch hier sind meine Wünsche der Vorwoche erfüllt worden: Die Charaktere treffen einander mehr, interagieren mehr.

Und es scheint noch ein paar Spieler zu geben. Die japanischen Sänger haben wir nun schon in allen drei Folgen gesehen – irgendwas wird mit diesen noch passieren, sie werden eine wichtige Rolle spielen. Schön, dass es bei Touch so viel Kontinuität gibt – wir sehen auch das Handy wieder, das im Piloten auf Reisen geschickt war.

Die Tür mit der Nummer 6 ist eins der ersten größeren Rätsel, die die Serie eingeführt hat – und ich bin so so froh. Es ist vorerst noch unklar, wie zeitnah diese Frage beantwortet werden wird – also ob schon in der nächsten Episode oder erst viel später in der Staffel. Ich interpretiere das als Indiz dafür, dass es mehrere Elemente der Show geben wird, die von Folge zu Folge sich weiterentwickeln. Und ich muss sagen: Die Enthüllung, dass hinter dieser Tür doch etwas wichtiges steckt – nämlich als das rote Spielzeugauto zurückschoss – war wundervoll in Szene gesetzt. Es war der Höhepunkt des Climaxes, sozusagen. Jake schreite, Martin brachte die Beweise zu den Anwälten, es wurde ein neuer Dance-Battle-Champion ermittelt, und mit einem mal erstummte alles. Die Schnittarbeit leistete da Höchstleistung. Am liebsten wollte ich jubelnd von der Couch springen, als ich das Auto herausrollen sah: In diesem Moment wusste ich, dass Touch all die Zeit wert ist, die ich in deren Rezensionen stecke.

Bla:

– Ich hab Touch heute das erste mal in HD gesehen. Es zahlt sich wirklich aus, vor allem beim Vorspann kommt es so richtig schön zur Geltung. Kann ich nur empfehlen.

– Ich kann mir keinen Reim auf den deutschen Titel der Folge machen. Im Original heißt sie „Safety in Numbers“, im Deutschen „Schutz in der Menge“. Im englischen Titel spielt es auf den Schutz vor Jakes Ängsten an, aber was könnte bloß mit Menge gemeint sein?

– Ich liebe diese Wasserlampen (oder wie auch immer man die nennt) am Set des Kinderheims. In jeder Szene sind die ein atmosphärischer Augenmagnet.

– Woah, der Übersetzungsapparat der Japanerinnen ist ja der Hammer!

– Wer ist die Frau, die vom Taxi angefahren wurde? Warum hatte sie Clea angerufen, und warum hatte sie das Nummernbuch vom Prinzen gestohlen? Ich hoffe, dass das alles Fragen sind, die eines Tages noch beantwortet werden, sonst werd ich böse. Falls sie das aber tun – Hochachtung. Denn wer Qualität sät… der möge sie auch ernten.

– Man, Jake kann schreien, wirklich gruselig. Das sorgte für Tempo beim Klimax. Wir erfahren hier erstmalig, dass es Jake Schmerzen bereitet, wenn Martin die Dinge nicht richtig steht.

– „Sie kennen sich mit Zauberschwertern nicht aus, hm?“

Fazit: 9,0 von 10 Punkten.

Die dritte Folge von Touch beinhaltet Grandioses – einerseits wurden (mit Ausnahme des Dance Battles) nette Geschichten erzählt, andererseits füllt die Folge den Zuseher mit Hoffnungen und Erwartungen für künftige Folgen, während sie gleichzeitig ebenjene von den ersten beiden Episoden erfüllt. „Schutz in der Menge“ ist poetisch, spannend und voller charakterintensiver Momente. Kurzum: die Touch-Folge, auf die wir alle gewartet haben. Wäre das Dance-Batlte Projekt nicht in allen Belangen so augenscheinlich dämlich konzipiert gewesen, würde ich „Schutz in der Menge“ eine glatte 10 geben. Fantastisch.

“Schutz in der Menge“ ist bis 9.4.2012 HIER frei und legal auf der Pro7-Homepage verfügbar.

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5 Gedanken zu “Touch 1.03 „Schutz in der Menge“: Der unsichtbare Prinz.

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  4. „Safety in numbers“ bedeutet „Schutz in der Menge“. Wie beispielsweise bei der roten Feuerameise, die in der Menge Schutz vorm Ertrinken findet. Oder bei den Klägern in dem Prozess gegen Morton-Starling, die nur zusammen stark sind. Nur wenn sie sich geschlossen gegen einen Vergleich wehren, können sie mit der Sammelklage zu ihrem Recht kommen. Zufälligerweise kann man es auch mit „Sicherheit in Zahlen“ übersetzen, was für mich aber kaum Bezug zum Inhalt der Folge hat. 🙂

    • Ha, danke für die Korrektur!
      Ich denke aber schon, dass im Original dann die Zweideutigkeit des Episodentitels (bezüglich Schutz in der Menge/ Sicherheit in Zahlen) absichtlich war.

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