South Park 16.01 „Reverse Cowgirl“: Rückwärts reiten.

„What if I had fallen in?“

South Park, die zynische animierte Satire-Serie mit krudem Humor und noch kruderen Charakteren, startet in seine mittlerweile schon sechzehnte Staffel – keine Selbstverständlichkeit, wo doch letztes Jahr Gerüchte aufkamen, Serienschöpfer Matt Stone und Trey Parker wären ihrer eigenen Kreation überdrüssig. „Reverse Cowgirl“ zeigt allerdings, dass die beiden längst noch nicht mit ihrem Latein am Ende sind – ein erfrischender Staffelstart.

Nicht jedoch im wortwörtlichen Sinne – es geht mal wieder um Fäkalien, genauer gesagt um die beliebte Genderdebatte, ob Männer den Klodeckel schließen sollen. Genau das tut der Viertklassler Clyde nämlich nicht, und trotz mehrerer Warnungen seiner Mutter kommt es zum Unfall: seine Mutter stirbt, weil Clyde den Deckel nicht runtergeklappt hat. Das macht nur Sinn, wenn man die Welt von South Park versteht, ist dann aber umso lustiger.

Getrieben von seiner Schuld (beim in eine Klodeckel-Debatte ausartendem Gebräbnis wirft ihm jemand vor, das Blut seiner Mutter klebe ihm am Penis) und seinen Freunden Kyle, Stan und Jimmy versucht Clyde, die Schuld dem Geist des Erfinders der Toilette, John Harrington, in die Schuld zu schieben. Das möchte er mit Hilfe eines zwielichtigen Anwalts und einer „Sueance“, einer Séance, bei der die Jungs für große Geldsummen ihre Gerechtigkeit kaufen können – „You can always sew somebody!“. Die Szene war anfangs noch witzig, insbesondre das Wortspiel ist ja wirklich erfinderisch, aber den geldgierigen Anwalt haben wir schon oft gesehen.

„Quick, put the other 300$ in the box!“

Interessanter war die parallele Seitenhandlung mit der TSA, der Toilet Security Administration, einer Persiflage auf Amerikas Sicherheitsdienst bei Flughäfen. Cartman übernimmt hier überraschenderweise die Stimme der Vernunft – es muss Grenzen geben, die der Staat zu respektieren hat, und die Toilette ist ein Hain der amerikanischen Freiheit. Oder so ähnlich. Jedenfalls entscheidet sich die TSA, die Sicherheitsvorkehrungen in den Toiletten des gesamten Landes nach oben zu schrauben. Besonders der Sicherheitsgurt war wirklich clever – schon bewundernswert, wie South Park immer solche Einfälle hat.

Die Menschen lernen, mit diesen neuen Sicherheitsbestimmungen zu leben. Zunächst ist beispielsweise noch irritiert, als ein Polizist ihm einen Strafzettel fürs ungesicherte Urinieren gibt, später nimmt er es jedoch nur noch resigniert hin, dass die TSA-Agenten ihn genauestens unter die Lupe nehmen. Das fand ich wieder einmal nicht besonders gefühlvoll von der Serie behandelt – man ließ sich zur Stereotypisierung hinreißen, wie die dicke, schwarze, vollbusige Polizistin Randy inspizierte. Schlimmer noch, ihre Bemerkungen, was für ein „großer Junge“ Randy oder Jerold doch seien, sind einfach… dämlich. Nicht witzig, nichts aussagend, und nicht das, was ich für artistisch wertvoll halte.

Gut vergleichen kann man das mit der Szene des onanierenden TSA-Sicherheitschefs. Die Szene ist tief abstoßend, aber sie ist nicht dumm, und sie hat noch etwas ganz Besonderes: sie macht Angst. So ähnlich, wie wenn wir von Kinderpornographie hören – das erschüttert uns, gibt uns ein flaues Gefühl im Magen. Man reagiert stark darauf, und deshalb hat diese Szene auch funktioniert. Grad das flaue Gefühl im Magen war stark zu fühlen, da die Szene nicht und nicht enden wollte. Erst stieß sie mir bitter auf, aber nach kurzer Reflexionszeit hab ich eingesehen, dass das eine starke Szene war, die mich mehr in die Folge involvierte.

„You’re sitting on the toilet, you need to be wearing your safety belt, sir.“

Schließlich wurden beide Handlungsstränge zusammengeführt, und für South Park gar nicht so überraschend materialisierte sich dann tatsächlich noch der Geist John Harringtons. Die große Pointe der Folge: Butters hatte von Anfang recht, ursprünglich sollte man bei Toiletten verkehrt herum sitzen, um den Tank als Ablage für Bücher oder ähnliches verwenden zu können. Ha! Wie ziehen Stone und Parker nur immer solche Karnickel aus dem Hut? Ich muss über mich selber lachen, wie lange ich nach der Folge noch grübelte, warum wir das nicht wirklich so machen. (Tipp: Man muss sich die Hosen ganz ausziehen und auf den Boden legen.)

Ganz elegant liefert „Reverse Cowgirl“ seine Kernbotschaft jedoch in einer stillen Abschlussszene. Während Cartman sich während dem Zehennägelschneiden die Geschichte seinen Freunden weitererzählt und -ausbaut (zum Brüllen komisch), sehen wir an der anderen Seite der Leitung Clyde selber sitzen, der ja eigentlich selbst dabei gewesen war. Dieser verrichtet sein Geschäft brav im Sitzen, überlegt dann eine Sekunde lang, klappt anschließend aus Protest den Klodeckel hoch und unterstreicht die Geste mit einem Mittelfinger in den Himmel. Was es auch immer für Gesetze und Regulierungen geben mag – ein gewisses Maß an persönlichem Recht steht jedem zu. Und wenn wir das nicht auf dem stillen Örtchen ausleben dürfen, wo dann?

Ein Bla, viele Blas:

– Die Details der Szene mit dem telefonierenden Cartman sind einfach spitze – sein Spielzeugheft, die Zehennägelschere, die Süßigkeiten, und Cartman selbst als Telefongeschichten spinnende Tussi.

– Kontinuität: Clydes Mutter ist gestorben, und Clyde ist Schuld.

– Cartman haben wir heute gar nie allzu fies sein gesehen. Na gut, die Entführungsszene war schon angenehm Psycho, aber im Grunde tat er es für einen guten Zweck.

Fazit: 8.0 von 10 Punkten.

South Park hat nun schon viele Jahre auf dem Buckel, und immer noch ersinnen Stone und Parker Gleichnisse über die kleinen und großen Probleme unserer Gesellschaft. Dabei verbindet die Serie wie schon so oft eine ewige Debatte (Klodeckel) mit einer aktuellen (übertriebene Sicherheitsmaßnahmen) und kreiert daraus eine clevere kleine Geschichte.  „Reverse Cowgirl“ ist eine runde Episode ohne große Makel mit witzigen Ideen, ist aber auch kein all-time-classic – sie gefällt, ohne zu inspirieren.

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2 Gedanken zu “South Park 16.01 „Reverse Cowgirl“: Rückwärts reiten.

  1. Pingback: South Park 16.02 “Cash for Gold”: | Blamayers TV Kritiken

  2. Pingback: South Park 16.10 “Insecurity”: Fehlalarm. | Blamayers TV Kritiken

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