Schnell Ermittelt 4.07 „François Legrand“: Angelika Hood.

„Es tut mir Leid.“ – „Wirklich?“

Wahnsinn. Mir fehlen die Worte, so gut war die neue Folge von Schnell Ermittelt. An allen Ecken und Enden brannte es in dieser Episode und entzündete so ein Feuerwerk an Ereignissen. Es fühlte sich gar fast wie ein kleines Mini-Staffelfinale an und hätte vielleicht noch besser vor die zweiwöchige Wartezeit gepasst. Aber lassen wir das Geblöcke und kleine Gemäcker: „Francois Legrand“ ist großartig – lesen Sie in dieser Kritik warum.

"Ich wars." "NEIN. Ich wars!" "Nein, liebe Rita, ich wars!" Die vier Verdächtigen wollen alle den schwarzen Peter gleichzeitig ziehen. Kein Wunder, dass da Angelika explodiert.

Zuerst, wie immer, der Fall: François Legrand, ein Immobilienhändler (oder so), wird tot aufgefunden, und der Verdacht fällt schnell auf seine derzeitigen und ehemaligen Geschäftspartner. Max Friedhelm war einer davon, von Legrand abgezockt nahm er sich jedoch vor zwei Jahren das Leben. Das ideale Rachemotiv also für dessen Witwe, und prompt gibt diese die Tat zu.

Überraschend für das Polizeiteam und die Zuseher, auch wenn beim Verhör gleich ersichtlich war, dass sie, wie könnte es auch anders sein, nur jemanden anders deckt. Und bald schon fühlte man sich fast schon wie in Agatha Christies berühmtem Mord im Orientexpress – jeder schien die Tat gleichzeitig begangen zu haben, und jeder deckte jeden. (Gut, eigentlich gab es zwei Täterfraktionen: Sophia Rieser auf der einen und Benjamin Friedhelm, dessen Mutter, Dr. Weber und Dieter Wiesinger auf der anderen Seite. In dieser Episode war niemand unschuldig.)

Die Fälle sind ja immer recht ausgetüftelt bei Schnell Ermittelt, und François Legrands Mord war da keine Ausnahme – er war wirklich intelligent konstruiert, logisch nachvollziehbar, und alles passte zusammen. Angelika machte diesmal eine besonders gute Figur darin, den Mordhergang den Verdächtigen und den Zusehern zu erklären, fast wie Hercule Poirot. Es gefällt, zu sehen, wie Angelika sich durchzusetzen weiß.

Absolut fantastisch fand ich, dass Angelika ihre Theorie, dass Sophia die Mörderin ist, nicht beweisen kann, und diese infolgedessen vorerst auf freiem Fuß bleibt. Es ist unwahrscheinlich, dass auf sie in einer späteren Folge noch einmal zurückgegriffen wird, da man in Schnell Ermittelt schon auf ein hohes Maß an Kontinuitiät setzt, die Fälle aber meist in sich geschlossen bleiben. Franitscheks gebrochenes Herz beispielsweise wurde nie mehr erwähnt. Es ist mutig, wie auch schon in „Horst Bauer“ den Mörder laufen zu lassen, grad weil das Zielpublikum vom ORF ja breit gefächert ist und sich viele Zuseher abgeschlossene Geschichten erhoffen. Ich auch, aber gelegentlich finde ich, dass dies der Unvorhersehbarkeit und des Realismus Willen ab und zu gern passieren darf. Die Serie zeigt Mut, und ich finde es gut! Denn jetzt nagt der Fall an mir, fieberhaft suche ich noch lange nach der Ausstrahlung Beweise für Frau Riesers Schuld.

Wenigstens gab es die moralische Gerechtigkeit. „Also für eine kleine Polizistin in einem billigen Hosenanzug reißen Sie aber ganz schön die Klappe auf“. Wunderbar gespielt, selten kann man eine Täterin so wenig ausstehen, und dann: klatsch! „Ich hasse das, ich hasse das so sehr“, sagt Angelika, während Franitschek die Stimme der Vernunft übernimmt. Wegen Szenen wie dieser schaue  und schreibe ich über Schnell Ermittelt, wo ich sonst Krimis weitgehend meide – das sind geballte Momente, in denen sie kurz zeigen, was in den Charakteren vorgeht, ohne zu viel zu verraten, und die Lücken muss man selber einfügen.

Menschen:

Da bin ich also schon bei den vielen Menschmomenten der Episode angekommen.  Ich fange am besten mit dem Handlungsstrang an, der in dieser Episode sein Ende fand: die Tabletten. Besonders gelungen ist es den Drehbuchautoren (genauer: Verena Kurth), sie mit anderen Handlungssträngen zu verbinden – bislang war ich davon ausgegangen, dass sie isoliert eine Resolution finden würden, aber dem war nicht so. Im Gegenteil, sie fügten sich wie ein Puzzleteil in das Rätsel der vierten Staffel ein, und es passte perfekt.

Zum einen war es niemand geringerer als Lucy Haller, die Angelika vorwurfsvoll ansah und sie dazu bewegte, sie wegzuwerfen. Das festigt die Idee, dass Lucy eigentlich ein guter Geist ist, im Gegenteil zu dem, was wir in den ersten Episoden der Staffel erfuhren, und auch, dass Angelika mittlerweile eine gute „Beziehung“ zu ihr aufgebaut hat. Zum anderen waren die Tabletten Katalysator für Angelikas Erinnerung an Lucy. Zuerst dachte ich, die Szene sei eine Vision, die nun erstmals zurückkehren würden, doch es war bloß eine Rückblende. Trotzdem, der visuelle Stil war ähnlich und könnte eine zukünftige Rückkehr zu Angelikas Visionen verheißen. Mehr zu Lucy Haller gibts ich in Kürze in einem weiteren Artikel. Meine Recaps sind so schon lange genug – doch es gibt einfach zu viel zu schreiben!

Jedenfalls hatten die Tabletten noch einen dritten Effekt – sie trieben Angelika wieder in Richtung Stefan. Nicht nur, dass dieser ihr mit Rat und Tat hierbei zur Seite stand, sie konnte sich ihm auch anvertrauen, und wichtiger noch: Als sie ihm ihre Visionen anvertraut, glaubt er ihr. Er glaubt ihr, weil er sie tief drin versteht, und Angelika fällt mehr als nur ein Stein vom Herzen. Stefan glaubt ihr, Angelika blickt ihn an, und ihre Augen glitzern wie Sterne, und sie schenkt Stefan ihr wärmstes Lächeln. Dieser Moment hat mich überzeugt, dass die beiden zusammengehören. Sorry, Urlich!

Angelika lächelt für Stefan.

Angelika (Ursula Strauss) lächelt für Stefan (Andreas Lust).

Mindestens ebenso wichtig für ihre Beziehung war die Schlussszene mit Angelika, Stefan und Susanne. Böses Blut gab es zwischen den zwei Frauen nun ja schon länger, und in „François Legrand“ kochte die Suppe schließlich über. Susanne ist eine noble Verliererin, das muss man ihr lassen – sie lässt ihre (innerlich sicherlich tobende) Wut nicht an den beiden aus, sondern legt stattdessen ihre Karten auf den Tisch. Sie sagt, was sie denkt: Sie kann nicht mit Stefan zusammen sein, wenn Angelika im Bett dazwischen liegt. Und im Grunde spricht sie die Gedanken der langjährigen Zuseher aus: Stefan ist bei Angelika nie wirklich ausgezogen.

Die Macher von Schnell Ermittelt haben ein Gespür für charakterintensive Nachtlokalszenen. Der Dialog war vom Feinsten, besonders Susannes Monolog war sehr feinfühlig geschrieben. Auch Stefans Reaktion traf genau seinen Charakter und war vortrefflich gespielt – betretene Fassungslosigkeit, weiß nicht wie er reagieren soll, will es weder zugeben noch abstreiten. Angelika hingegen streitet es natürlich sofort ab und tut so, als wüsste sie nicht, wovon Susanne spricht. Oder tut sie es wirklich nicht? Nein, ich glaube, dass Angelika schon weiß, was Sache ist. Zumindest sagt sie Ulrichs Romreise ab und bestellt ohne zu zögern noch zwei Getränke. Das ist die Subtilität, die ich mir erhoffe, und meine Hoffnungen wurden mit dieser Episode mehr als nur erfüllt.

Das Großartige an dieser Folge ist, dass sie all diese kleinen Besonderheiten so mühelos aussehen lässt. Dialoge werden nicht mir nichts dir nichts so scharf, und die verschiedenen Handlungsebenen sind geschickt verbunden – vom dieswöchentlichen Mord über Lucy Hallers Fall bis hin zu den Beziehungsproblemen Angelikas und ihren kleineren Nöten (Kinder, Tabeltten, etc.). Auch die Balance dieser Aspekte stimmt – man hat zu keiner Zeit das Gefühl, etwas käme zu kurz. Ganz im Gegenteil: Ich habe das Gefühl, dass so ausgesprochen viel passiert ist, als ob die Folge viel länger gewesen wäre und einen besonderen Anlass gehabt hätte. Doch der einzige Anlass ist: Schnell Ermittelt ist in der vierten Staffel so gut wie noch nie.

Random Observationen:

– Einziger Kritikpunkt: Wie oft lassen Frani und Angelika einen Verdächtigen noch türmen? Das hatten wir jetzt schon ein paar mal in dieser Staffel, und auch diesmal war die Szene alles andere als überzeugend.

„Najo, pf, was würdest du machen, wenn du grad einen Menschen erschossen hättest?“ Frag das nicht den Franitschek, Angelika, frags den Schuster…

– Ich liebe die Szene, in der Angelika den Fußgänger am Zebrastreifen anhupt und sich über ihn beschwert. Angelika ist wieder ganz die alte, und auch zu Stefan ist sie so gemein wie eh und je.

– „Du, nicht jeder hat in seiner kargen Freizeit nix vor.“ Autsch, so böse kennen wir Stefan ja gar nicht, aber bei Angelikas unangebrachten Nörgeleien ist es auch kein Wunder.

– Angelika als Robin Hood? Auch beim Verhör wollte sie dem Verdächtigen einreden, er habe die Waffe nur aus Versehen abgedrückt. Ich bin da Franitscheks Meinung, sie geht zu weit.

„Also, naja, ich sags nicht gern, aber: Ich hab mich geirrt“, gibt Stefan zu. „Er lebt!“ mutmaßt Angelika. Köstlich.

– Gründe, warum Verdächtige heute wieder Dinge verschwiegen/ falsch ausgesagt haben: Mörder entlasten, Geheimgang verschweigen, Mörder entlasten, Mordmotiv verschweigen, Mörder entlasten, Mordversuch verschweigen, Mord leugnen. In dieser Folge wurde gelogen, bis sich die Balken bogen.

Fazit: 9,5 von 10 Punkten.

Schnell Ermittelt ist suchterregend wie noch nie. Der Fall war spannend und toll geschrieben, ja, aber mehr noch überzeugte die Zusammenarbeit der verschiedenen Handlungsstränge der einzelnen Charaktere. Die Tabletten-Storyline wurde äußerst befriedigend abgeschlossen, die Ermittlungen am Staffelaufhänger Lucy Haller sind so richtig angelaufen und die Beziehung zwischen Stefan und Angelika ist auf einem Allzeit-Hoch an Spannung. Und alles hängt fest zusammen, hat Halt und Sicherheit. Vielleicht die beste Schnell Ermittelt-Folge überhaupt.

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3 Gedanken zu “Schnell Ermittelt 4.07 „François Legrand“: Angelika Hood.

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